Von Dr. med. R.S. Stiel
Haben Sie sich je gefragt, was Sauerteigbrot seinen unverwechselbaren Geschmack verleiht, Kimchi diese faszinierende Vielfalt an Nuancen schenkt oder Kombucha zu einem solch vielschichtigen Genusserlebnis wird? Die Antwort liegt in einem uralten und zugleich hochmodernen Verfahren: der Fermentation. Seit Jahrtausenden begleitet sie uns und eröffnet – getragen von unsichtbaren Mikroorganismen – eine Welt voller aromatischer Überraschungen.
Die Essenz der Fermentation
Im Kern beschreibt Fermentation die gezielte Umwandlung von Lebensmitteln durch Mikroorganismen: Bakterien, Hefen oder Schimmelpilze. Diese winzigen Helfer setzen Enzyme frei, die die Struktur und den Charakter unserer Nahrung grundlegend verändern. Aus wissenschaftlicher Sicht ist Fermentation der Prozess, bei dem Mikroorganismen Zucker unter Ausschluss von Sauerstoff in andere Substanzen umwandeln.
Der Begriff „Fermentation“ leitet sich vom lateinischen fervere ab, was „sieden“ bedeutet. Bereits die Römer beobachteten, wie Traubensaft in Bottichen zu blubbern begann, während er allmählich zu Wein reifte, und verglichen diese Bewegung mit dem Sieden. Tatsächlich war jedoch keine Hitze im Spiel – vielmehr handelte es sich um den lebendigen Prozess, bei dem Hefen den Zucker der Trauben in Alkohol transformierten.
Doch nicht jede Methode, die wir heute als Fermentation bezeichnen, passt exakt in diese chemische Definition. Einige Prozesse verlaufen gradlinig, wie etwa bei Koji: Ein spezieller Schimmelpilz durchdringt Reis oder Gerste und zerlegt deren Stärke in einfache Zucker – dies nennt man Primärfermentation. Andere, etwa die Herstellung delikater Garum-Saucen, folgen auf die Primärfermentation und nutzen deren Enzyme, um tierische Proteine zu veredeln. Ob Primär- oder Sekundärfermentation – das Prinzip bleibt: Es sind die Mikroben, die unsere Nahrung verwandeln und bereichern.
Warum sind fermentierte Nahrungsmittel so unwiderstehlich?
Unser Geschmackssinn ist ein ausgefeilter Überlebensmechanismus, der uns instinktiv zu jenen Lebensmitteln führt, die uns guttun. Gaumen und Nase erfassen komplexe chemische Signale und senden sie an unser Gehirn: Süße, reife Früchte signalisieren energiereichen Zucker, während bittere Noten auf Unerwünschtes hindeuten können.
Die Fermentation setzt genau bei diesem System an: Sie zerlegt große, komplexe Moleküle in kleinere, die unser Geschmack viel intensiver wahrnimmt. Stärke in Reis, Brot oder Hülsenfrüchten besteht aus langen Glukoseketten, während Proteine in Fleisch und Sojabohnen aus komplexen Aminosäuresträngen bestehen. Besonders hervorzuheben ist die Glutaminsäure, eine Aminosäure, die auf unserer Zunge als Umami registriert wird – dieser tiefe, herzhafte Wohlgeschmack, der Pilze, Tomaten oder Sojasauce so besonders macht.
Diese großen Molekülketten sind in ihrer ursprünglichen Form für unsere Geschmacksknospen kaum zugänglich. Erst die Fermentation – der Schlüssel zur Aromenvielfalt – spaltet sie auf: Mikroorganismen zerlegen Stärke zu Einfachzuckern und Proteine zu frei verfügbaren Aminosäuren.
Auf diese Weise entfaltet sich die Magie fermentierter Speisen: Koji-fermentierter Reis erhält eine beeindruckende Süße, die weit über den Geschmack von gekochtem Reis hinausgeht. Zu Garum veredeltes Rindfleisch entwickelt eine aromatische Tiefe, die unmittelbar an unsere Urinstinkte rührt.
Fermentation macht Lebensmittel nicht nur bekömmlicher und nährstoffreicher – sie verleiht ihnen vor allem einen unvergleichlichen Geschmack. Mikroben übernehmen dabei die feinsinnige Vorverdauung komplexer Zutaten und verwandeln sie in ein wahres Fest der Sinne. Über Generationen hinweg hat sich daraus eine enge Symbiose entwickelt: Viele dieser Mikroorganismen sind heute so stark an den Menschen angepasst wie Haustiere. Die Aufgabe von Fermentiererinnen und Fermentierern besteht darin, ideale Bedingungen für diese Partnerschaft zu schaffen – und damit den Grundstein für ein faszinierendes Geschmackserlebnis zu legen.