Mikroplastik.

Was wir heute wissen und was wir tun können.

Umwelt

Mikroplastik. Was wir heute wissen und was wir tun können.

Von Dr. med. R.S. Stiel 

Eine Frage höre ich in meiner Praxis immer wieder: Wie viel Plastik steckt eigentlich in mir? Die Frage ist berechtigt. Forschende haben Kunststoffpartikel inzwischen im Blut, in der Lunge, in der Plazenta, in Gefäßablagerungen und sogar im Gehirn gefunden. Die Schlagzeilen pendeln zwischen Alarm und Entwarnung, weil die Forschung selbst noch um verlässliche Messmethoden ringt.

In der Umweltmedizin gilt ein einfacher Grundsatz: Es kommt weniger auf die einzelne Begegnung mit einem Stoff an als auf das, was wir über Jahre und Jahrzehnte in kleinen Mengen aufnehmen. So sollten wir auch Mikroplastik betrachten. Ernsthaft, aber ohne Panik. In diesem Beitrag fasse ich zusammen, was wir heute über dessen Wirkung im Körper wissen, woher das meiste Mikroplastik im Alltag stammt und wie Sie Ihre eigene Belastung mit recht einfachen Mitteln deutlich senken können.

Was Mikroplastik ist und wo es vorkommt

Mikroplastik nennt man Kunststoffteilchen, die zwischen etwa einem Mikrometer und fünf Millimetern groß sind. Was noch kleiner ist, heißt Nanoplastik. Nur ein kleiner Teil wird gezielt in Partikelgröße hergestellt, etwa als Zusatz in Kosmetik oder Reinigungsmitteln. Der weitaus größere Teil entsteht, wenn größere Kunststoffteile zerfallen. Wenn sich Reifen abnutzen, Verpackungen verwittern, synthetische Kleidung gewaschen oder Kunststoffgegenstände ganz normal benutzt werden.

In unseren Körper gelangen die Partikel auf drei Wegen: mit der Nahrungsaufnahme, der Atemluft und zu einem kleineren Teil über die Haut. Gefunden hat man sie bisher in Blut, Lunge, Nieren, Leber, Plazenta und Muttermilch. Für Aufsehen sorgte im Februar 2025 eine Studie in Nature Medicine: Sie fand im menschlichen Gehirn besonders hohe Mengen, und zwar mehr als in älteren Vergleichsproben.

Gesundheitlich interessieren vor allem die kleinsten Teilchen. Je kleiner sie sind, desto leichter kommen sie durch die Schutzbarrieren des Körpers: durch die Darmschleimhaut, die Gefäßwand und womöglich sogar durch die Blut-Hirn-Schranke.

Wie Mikroplastik auf den Körper wirkt

Haben die Partikel diese Barrieren einmal überwunden, treffen sie auf Blutgefäße, Immunzellen und Organe. Was dann passiert, verstehen wir erst in Ansätzen. Aus Zellversuchen, Tierstudien und ersten Untersuchungen am Menschen ergibt sich aber ein zunehmend klares Bild, und im Zentrum steht die Entzündung.

Die Gefäßwand: wo eine Entzündung beginnt

Was passiert, wenn Kunststoffpartikel ins Blut gelangen? Dieser Frage ging 2021 erstmals ein Marburger Team aus Gefäßmedizin, Zellbiologie und Chemie nach. Die Forschenden gaben Partikel aus Polystyrol zu Zellkulturen. Polystyrol ist einer der häufigsten Kunststoffe und steckt zum Beispiel in Bechern und Verpackungen. Die Zellen der Gefäßinnenwand bildeten daraufhin mehr Andockstellen für Immunzellen, und Immunzellen, die sonst frei im Blut kreisen, hefteten sich in großer Zahl an die Gefäßwand. Gleichzeitig reagierten die Immunzellen selbst auf das Mikroplastik und schütteten Entzündungsbotenstoffe aus.

Medizinisch ist das bedeutsam, denn so beginnt nach heutigem Wissen auch die Arteriosklerose: mit einer gereizten, entzündeten Gefäßinnenwand.

Dass dieser Mechanismus auch beim Menschen eine Rolle spielen könnte, legt die bisher wichtigste klinische Studie nahe. Sie erschien im März 2024 im New England Journal of Medicine. Ein italienisches Team um Raffaele Marfella untersuchte Ablagerungen aus der Halsschlagader. In rund 58 Prozent dieser Plaques steckten Mikro- und Nanoplastikpartikel, vor allem aus Polyethylen und PVC. Bei diesen Patientinnen und Patienten war das Risiko, in den folgenden knapp drei Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden oder zu sterben, etwa 4,5-mal so hoch.

Leber und Immunsystem

Im Tierversuch spritzte das Marburger Team Mäusen Kunststoffpartikel direkt ins Blut. Die Partikel sammelten sich in der Leber an, die sich daraufhin akut entzündete. Auch nach längerer Zeit fanden sich im Blut noch einzelne Partikel und kleine Ansammlungen davon, die Fresszellen aufgenommen hatten. Die Wand der Hauptschlagader zeigte erhöhte Entzündungswerte. Das Immunsystem erkennt die Partikel also als Fremdkörper, wird sie aber offenbar nicht vollständig los.

Begleitstoffe und Hormonsystem

Kunststoffe enthalten Zusätze wie Weichmacher (Phthalate) und Bisphenole. Sie gelangen mit den Partikeln in den Körper, aber auch direkt aus Verpackungen und Behältern. Bisphenol A wirkt ähnlich wie das Hormon Östrogen und gilt nach europäischem Chemikalienrecht als fortpflanzungsschädigend. Auch manche Phthalate greifen in den Hormonhaushalt ein. Anders als die Partikel lassen sich diese Stoffe messen: Ein Urintest auf Bisphenol A und die häufigsten Weichmacher zeigt, wie stark man persönlich belastet ist. Für Mikroplastik im Blut gibt es dagegen noch keinen verlässlichen Routinetest.

Wie sich das einordnen lässt

Die italienische Studie zeigt einen Zusammenhang, aber keinen Beweis, dass Mikroplastik die Ursache ist. Die Behörden äußern sich deshalb zurückhaltend. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stellt fest, dass bisher nicht belegt ist, dass die Aufnahme von Mikroplastik der Gesundheit schadet. Das stimmt. Es heißt aber nicht, dass kein Risiko besteht, sondern dass uns die Langzeitdaten fehlen.

Auch die Marburger Forschenden bewerten ihre Ergebnisse vorsichtig. Die hohe Dosis und die Injektion direkt ins Blut sind ein Extremfall. Sie geben jedoch zu bedenken, dass Partikel aus der Umwelt Schadstoffe an sich binden, die eine deutlich stärkere Entzündung auslösen können als saubere Laborpartikel. Das Team hält Mikroplastik deshalb für einen möglichen neuen Risikofaktor für Gefäßerkrankungen.

Aus der Perspektive der Umweltmedizin

Für die Klinische Umweltmedizin ist Mikroplastik keine Überraschung, sondern eine neue Spielart eines bekannten Problems. Dass feine Partikel krank machen können, ist seit Langem gut untersucht. Drei Punkte halte ich dabei für besonders wichtig:

  • Kunststoff gibt etwas ab. Kunststoffe dünsten noch lange nach ihrer Herstellung flüchtige Stoffe aus. Außerdem binden die Partikel Chemikalien wie Weichmacher und Bisphenole an sich und können deren Wirkung verstärken.
  • Je kleiner, desto kritischer. Nanopartikel können biologische Barrieren überwinden und in Zellen eindringen. Besonders empfindlich reagieren die Lunge und bestimmte Immunzellen.
  • Am Ende steht oft eine stille Entzündung. Viele Umweltbelastungen verursachen oxidativen Stress und halten eine chronische, meist unbemerkte Entzündung am Laufen. Sie gilt als einer der Motoren des biologischen Alterns.

Besonders empfindlich ist der Organismus in Schwangerschaft und früher Kindheit. In diesen Phasen können Umwelteinflüsse epigenetische Spuren hinterlassen. Sie verändern nicht die Gene selbst, wohl aber, welche Gene später aktiv sind und welche stumm bleiben.

Woher das meiste Mikroplastik im Alltag kommt

Zuerst die gute Nachricht: Ein großer Teil unserer Belastung stammt aus wenigen Quellen, die wir gut beeinflussen können. Drei davon fallen in der Forschung besonders auf.

Erhitzen in Kunststoff. Nichts setzt so viele Partikel frei wie Wärme. Ein Team der University of Nebraska erwärmte 2023 handelsübliche Kunststoffbehälter drei Minuten lang in der Mikrowelle. Manche Behälter gaben dabei pro Quadratzentimeter bis zu 4,2 Millionen Mikro- und 2,1 Milliarden Nanoplastikpartikel ab. Aber auch wenn Lebensmittel monatelang im Kühlschrank oder bei Zimmertemperatur in Kunststoff lagerten, lösten sich Millionen bis Milliarden Partikel.

Wasser aus Plastikflaschen. Forschende der Columbia University und der Rutgers University fanden 2024 in einem Liter Flaschenwasser durchschnittlich rund 240.000 Kunststoffpartikel. Etwa 90 Prozent davon waren Nanoplastik, also genau die Teilchen, die am leichtesten in den Körper vordringen. Leitungswasser enthält nach bisherigen Messungen meist deutlich weniger.

Raumluft und Hausstaub. Kleidung aus Kunstfasern, Teppiche, Polstermöbel und Kunststoffoberflächen verlieren ständig Fasern und Partikel. Weil wir die meiste Zeit in Innenräumen verbringen, wird die Atemluft als Quelle oft unterschätzt.

Dazu kommen Meeresfrüchte, Salz, Kaugummi, Teebeutel aus Kunststoff und Schneidebretter aus Polyethylen. Jede dieser Quellen ist für sich genommen kleiner, zusammen fallen sie aber messbar ins Gewicht.

So senken Sie Ihre Belastung

Ganz vermeiden lässt sich Mikroplastik heute nicht. Es geht also nicht um Perfektion, sondern darum, dort anzusetzen, wo wenig Aufwand viel bewirkt. Die folgenden Schritte habe ich nach ihrer Wirkung sortiert.

Nie in Kunststoff erhitzen. Wärmen Sie Speisen und Getränke in Glas, Keramik oder Edelstahl auf, in der Mikrowelle genauso wie im Wasserbad. Der Hinweis „mikrowellengeeignet“ bedeutet nur, dass sich der Behälter nicht verformt. Über abgegebene Partikel sagt er nichts. Füllen Sie auch heißes Essen nicht in Plastikdosen.

Glas statt Plastikflasche. Trinken Sie Wasser aus Glasflaschen. Für unterwegs eignen sich Flaschen aus Edelstahl oder Glas. Lassen Sie Plastikflaschen nie in der Sonne oder im warmen Auto liegen.

Leitungswasser gezielt aufbereiten. Ein guter Aktivkohlefilter hält viele Partikel und organische Spurenstoffe zurück, eine Umkehrosmose-Anlage zusätzlich auch die feinsten Teilchen. Es geht auch einfacher: Eine Studie von 2024 zeigte, dass Abkochen und anschließendes Filtern, etwa durch einen Kaffeefilter, in hartem Wasser bis zu 90 Prozent der Nano- und Mikroplastikpartikel entfernt. Der Kalk, der sich beim Kochen absetzt, bindet die Partikel. In weichem Wasser wirkte das deutlich schwächer.

Vorräte ohne Plastik lagern. Bewahren Sie Lebensmittel, vor allem fettige und saure, in Glas oder Edelstahl auf. Ersetzen Sie zerkratzte Plastikdosen und Schneidebretter aus Kunststoff durch Holz, Glas oder Edelstahl.

Auf gute Raumluft achten. Lüften Sie mehrmals täglich kräftig durch. Saugen Sie mit einem HEPA-Filter und wischen Sie Staub feucht. Ziehen Sie die Schuhe an der Tür aus. Das senkt nicht nur Mikroplastik, sondern auch viele andere Schadstoffe im Hausstaub.

Naturfasern bevorzugen. Wählen Sie Kleidung, Bettwäsche und Heimtextilien aus Baumwolle, Leinen, Wolle oder Seide. Kunstfasern verlieren bei jedem Tragen und Waschen Partikel.

Bewusst einkaufen. Frische, unverpackte Lebensmittel kommen weniger mit Verpackung in Berührung. Loser Tee, Kaugummi ohne Kunststoffbasis und Kosmetik ohne Kunststoffanteile sind kleine, aber sinnvolle Schritte.

In der Schwangerschaft, in der Stillzeit und in den ersten Lebensjahren lohnt sich diese Sorgfalt besonders. Babyfläschchen aus Glas und Säuglingsnahrung, die ohne Kontakt zu Kunststoff zubereitet wird, sind einfache und wirksame Maßnahmen.

Was den Körper zusätzlich unterstützt

Der Körper hat auch eigene Wege, mit solchen Belastungen fertigzuwerden. Eine intakte Darmbarriere, ein vielfältiges Mikrobiom, ausreichend Ballaststoffe und eine gute Versorgung mit antioxidativ wirkenden Mikronährstoffen stärken diese Abwehr. Weil viele Umweltbelastungen über oxidativen Stress und stille Entzündung wirken, setzt eine umweltmedizinische Begleitung genau hier an. Konkrete Empfehlungen sollten Sie aber mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen, statt auf eigene Faust zu Präparaten zu greifen.

Vorsorge mit Augenmaß

Mikroplastik ist kein Grund zur Angst, aber ein guter Grund, aufmerksam zu sein. Die Wissenschaft wird noch Jahre brauchen, um Ursache und Wirkung sicher zu belegen. So lange müssen wir nicht warten. Wenn ein Schaden plausibel ist und sich die Belastung mit einfachen Mitteln senken lässt, ist Vorsorge die vernünftige Entscheidung.

In unserer Medizin nach dem RADIX-Prinzip beginnt Gesundheit dort, wo Belastungen entstehen, und nicht erst dort, wo sie Beschwerden bereiten. Zu einem langen, gesunden Leben gehört deshalb auch eine Umgebung, die den Körper nicht ständig fordert. Am meisten erreichen Sie dabei in der Küche, also bei der Frage, wie Sie Speisen erhitzen und aufbewahren, beim Trinkwasser und bei der Luft in Ihren eigenen vier Wänden.